Vom Kollegen zur Führungskraft – typische Herausforderungen

Vor ein paar Monaten saß mir eine Kundin gegenüber, die gerade zur Teamleiterin befördert worden war – in dem Team, in dem sie zwei Jahre lang selbst mitgearbeitet hatte. Ihre erste Frage an mich war nicht „Wie führe ich richtig?“, sondern: „Wie sage ich meinem besten Kollegen, dass ich jetzt ihre Chefin bin?“

Genau da beginnt die eigentliche Herausforderung. Nicht bei Führungstheorie, sondern im Flurgespräch am Montagmorgen.

Die Beförderung ist der leichte Teil

Fachlich stark, im Team beliebt, engagiert – wer aus den eigenen Reihen befördert wird, hat sich das in der Regel verdient. Doch mit dem neuen Titel ändert sich etwas, das kein Organigramm abbildet: die Beziehungsebene zu den ehemaligen Kollegen. Aus „wir“ wird über Nacht „ich und die anderen“. Und diese Verschiebung spüren beide Seiten, auch wenn niemand sie ausspricht.

In meiner Coaching-Praxis sehe ich immer wieder dieselben drei Fallstricke.

Herausforderung 1: Der Wunsch, es allen recht zu machen

Neue Führungskräfte aus den eigenen Reihen versuchen oft, die alte Nähe zu retten – gleichzeitig aber „richtig“ zu führen. Das Ergebnis: unklare Ansagen, aufgeweichte Entscheidungen, ein schlechtes Gewissen bei jeder unpopulären Maßnahme.

Lösung: Klarheit ist keine Härte, sondern Respekt. Wer früh transparent macht, dass sich die Rolle verändert hat – nicht die Person, aber die Funktion – schafft Sicherheit auf beiden Seiten. Ein offenes Gespräch mit dem Team zu Beginn ist wirkungsvoller als monatelanges Lavieren.as Entscheidungen blockiert, ist oft Angst.
Nicht offen ausgesprochen – aber wirksam.

Herausforderung 2: Fachliche statt strategischer Fokussierung

Wer aus dem operativen Geschäft kommt, bleibt oft dort hängen. Man kennt jede Aufgabe im Detail, springt lieber selbst ein, statt zu delegieren und zu steuern. Das fühlt sich produktiv an – ist aber keine Führung.

Lösung: Der Rollenwechsel verlangt einen echten Perspektivwechsel: weg von „Ich mache es am besten selbst“ hin zu „Wie befähige ich mein Team, es gut zu machen?“. Das bedeutet auch, Kontrolle bewusst abzugeben – ein Punkt, an dem viele neue Führungskräfte hadern.

Herausforderung 3: Fehlende Autorität durch fehlende Distanz

Ehemalige Kollegen testen neue Führungskräfte – bewusst oder unbewusst. Kleine Grenzüberschreitungen, informelle Extrawünsche, das Gefühl „bei dir ist das doch anders“. Wer hier nicht frühzeitig eine gesunde professionelle Distanz aufbaut, gerät in eine Legitimationsfalle, aus der es später schwer herauszukommen ist.

Lösung: Nähe und Autorität schließen sich nicht aus – aber sie brauchen klare Leitplanken. Konsequent zu sein, ohne kalt zu wirken, ist lernbar. Es beginnt damit, Entscheidungen zu begründen statt zu rechtfertigen.

Was wirklich hilft

Der Wechsel vom Kollegen zur Führungskraft gelingt nicht durch ein Seminar, sondern durch bewusste erste 100 Tage:

  • Erwartungen klären – mit dem eigenen Vorgesetzten und mit dem Team, am besten in getrennten Gesprächen.
  • Beziehungen neu definieren, nicht abbrechen – das persönliche Verhältnis darf bleiben, die Erwartung an Vertraulichkeit im Führungsalltag nicht.
  • Frühe Entscheidungen bewusst treffen – auch kleine, sichtbare Entscheidungen zeigen dem Team: Hier führt jemand.
  • Reflexion einplanen – wöchentlich innehalten und prüfen: Führe ich gerade, oder arbeite ich nur mit?

Meine Kundin von oben hat ihrem ehemals besten Kollegen übrigens ein offenes Gespräch angeboten – noch bevor die Beförderung offiziell verkündet wurde. Kein Drehbuch, keine Floskeln. Nur die ehrliche Frage: „Wie wollen wir das jetzt miteinander gestalten?“ Das war der Anfang einer Zusammenarbeit, die heute noch funktioniert – professioneller als vorher, aber nicht kälter.

Reflexionsfrage für dich: Wenn du gerade selbst in einem Rollenwechsel steckst oder dein Team dabei begleitest – wo genau hakt es: bei der Klarheit, bei der Distanz, oder beim Loslassen des operativen Geschäfts?

Über die Autorin

Dr. Julia Pönighaus

Ich bin Dr. Julia Pönighaus – Business Coach mit Herz, Verstand und über 15 Jahren Erfahrung in der Arbeit mit mittelständischen Unternehmen. Mein Weg führte mich über ein internationales Traineeprogramm in den USA, Italien und der Schweiz zurück nach Ostwestfalen-Lippe, wo ich heute Unternehmer*innen und Führungskräfte begleite.

Als promovierte Betriebswirtin und zertifizierte Business Coach (DGfC & ActionCOACH) liegt mein Fokus auf klarer Führung, wirksamer Teamarbeit und nachhaltiger Weiterentwicklung – praxisnah, persönlich und auf Augenhöhe.

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Business Coaching in OWL – Dr. Julia Pönighaus

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